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Interview zur Öko-Test Berichterstattung über PVC-Bodenbeläge

vom 31.12.2007

Mit dem öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen und Leiter/Inhaber des iff Instituts für Fußbodenbau in Koblenz, Herrn Torsten Grotjohann (TG).

Durch das Interview führt Uwe Viebrock (UV), Agentur wellcomm. für den FEB – Fachverband der elastischen Bodenbelagshersteller e. V.
                                       

UV: Herr Grotjohann, alle Jahre wieder nimmt das Magazin Öko-Test Bodenbeläge unter die Lupe. Das Ergebnis steht meist schon vorher fest. In der aktuellen Ausgabe werden Sie als Öko-Test Fachmann zitiert. Sind Sie für den technischen input oder gar für den gesamten Bericht verantwortlich?

TG: Ganz klar nein. Zum einen sind wir ein unabhängiges Prüflabor und zum anderen bearbeiten wir sehr selten Aufträge für Öko-Test.
Für den Inhalt des Artikels sind wir nicht verantwortlich, weder für den technischen input noch für den gesamten Bericht. Wir haben über den Artikel selbst erst durch Dritte erfahren und sind über die Aufmachung und den Inhalt verwundert und erschrocken.

UV: Sie haben also nur eine Auftragsarbeit für den Verlag durchgeführt? Welche Leistungen haben Sie erbracht, was haben Sie getestet?

TG: Kürzlich haben wir einige Kunststoffbodenbeläge (CV, PVC homogen, heterogen sowie PVC auf Polyestervlies) hinsichtlich der Maßänderung nach EN 434 überprüft, mehr nicht.

Die Proben wurden uns auf dem Versandwege zur Verfügung gestellt. Die Ergebnisse der Maßänderungen und eine allgemeine Bewertung waren Inhalt unseres Prüfberichtes.


UV: Ökotest schreibt, dass Sie vom Testergebnis bzgl. der Dimensions-Stabilität „positiv überrascht“ waren. Stimmt das und wenn ja, warum? Vom „Schrumpfen“ elastischer Beläge hat man doch seit 2005 nichts mehr gehört oder gelesen?

TG: In der Tat waren wir von den guten Testergebnissen positiv überrascht. Die Normenanforderungen wurden nicht nur erfüllt sondern deutlich unterschritten.
Sicherlich tritt hier und da schon mal ein „schrumpfen“ von Bodenbelägen auf, aber deshalb darf nicht gleich Hysterie verbreitet werden, denn im Vergleich zu den verlegten Gesamtflächen ist das prozentual sicher nicht viel und man muss von Fall zu Fall auch sehen, dass hier unterschiedliche Faktoren eine Rolle spielen. Eine Ursache allein kommt nur selten in Frage.

Leider hat Öko-Test „Äpfel mit Birnen“ verglichen. CV-Bodenbeläge können nicht mit homogenen PVC-Belägen verglichen werden. Allein die unterschiedlichen Belagkonstruktionen führen zu verschiedenen Ergebnissen.

Die Bewertung für „Crystal Plus“ von Dunloplan ist nicht korrekt, denn der Bodenbelag hat mit + 0,31 % in der Breite im Mittelwert die Normen¬anforderung erfüllt. Da kann die Bewertung von Öko-Test schnell zu einem falschen Bild führen.

Wir haben insgesamt 16 Bodenbeläge geprüft, nur ein Produkt lag außerhalb der zulässigen Toleranzen, nämlich „Angola Granit“ von Hornbach.


UV: In der Reportage werden Sie jedoch mit: Der Balalux von Tarkett wäre „inakzeptabel!“ zitiert. Woher kommt diese Aussage und haben Sie Balalux überhaupt untersucht?

TG: Dieses Zitat ist falsch, ich habe nie mit dem Redakteur gesprochen. Das Produkt Balalux von Tarkett wurde uns vom Verlag nicht zur Prüfung vorgelegt.

UV: Wie waren die Ergebnisse zur Begehaufladung?

TG: Wir haben nur Maßänderung geprüft, nicht die Begehaufladung. Leider ist dem Artikel von Öko-Test dies nicht einfach und eindeutig zu entnehmen. Deshalb können wir zu diesen Ergebnissen nichts sagen.

UV: Ist die Öko-Test Klassifizierung in den Ergebnistabellen von „leicht erhöht“ bis  „stark erhöht“ bei der Begehaufladung relevant und richtig?

TG: Die Begehaufladung haben wir nicht geprüft. Deshalb kennen wir die Ergebnisse nicht und können die Beurteilung nicht bewerten.
Die Anforderungen von < 2 kV sind bekannt und aus unserer Praxiserfahrung heraus haben PVC-Bodenbeläge hiermit in der Regel kein Problem. Wir wissen nicht wer geprüft hat, aber die Prüfung und Bewertung der Auflade¬spannung bzw. Begehspannung ist nicht einfach.

UV: Öko-Test schreibt, dass bei einigen Belägen die Aufladung auch nach Stunden noch nicht abgebaut war und es zu „Dauerbelastungen des Raums“ kommen kann. Ist das möglich? Kann man von Dauerbelastung für den Nutzer sprechen?

TG: Diese Bewertung ist derart technisch nicht korrekt und unverständlich. Natürlich können sich Bodenbeläge aufladen, das ist bekannt. Und selbstverständlich gibt es hier Unterschiede. Aber um die Spannungen dann abzubauen benötigt es einer Entladung, egal zu welchem Zeitpunkt.

Im Übrigen ist anzuzweifeln, dass Bodenbeläge so isolierend zu verlegen oder zu kleben sind, dass über Stunden kein Abbau der Aufladespannungen stattfindet und insbesondere eine Dauerbelastung vorliegt.
                                              

UV: Herr Grotjohann, auch wenn Sie nicht für den gesamten Öko-Test Bericht verantwortlich sind würden wir von Ihnen, als anerkannten Fachmann und öffentlich bestellten Gutachter, gern Ihre Einschätzung zu weiteren Punkten der Öko-Test Reportage nachfragen.

Wo sehen Sie gute/optimale Einsatzbereiche für elastische Bodenbeläge aus PVC? Nutzt nur ein „knausriger Wohnungsvermieter“ – wie Öko-Test formuliert – diese Beläge im Wohnbereich?

TG: Nein, keinesfalls. PVC – Bodenbeläge gibt es seit über 70 Jahren. In dieser Zeit haben sie sich in vielen Einsatzbereichen bewährt und tun das noch heute.
Selbstverständlich finden sie im Wohnbereich nach wie vor viele PVC-Beläge, da es insbesondere zu den technischen Eigenschaften (Reinigung und Pflege, Verschleiß) nur wenig Alternativen gibt. Gerade die Gruppe der CV-Bodenbeläge und Bodenbeläge auf Polyestervlies sind hier stark vertreten. Aber auch in gewerblichen Bereichen haben PVC-Beläge sich hervorragend bewährt.
Gehen sie heute mit offenen Augen durch Kaufhäuser und Ladengeschäfte und sie werden feststellen, dass viel Holz-, Stein und Metalloptiken auf Kunststoffbasis sind.
In medizinischen Bereichen werden PVC-Bodenbeläge nach wie vor mit großem Erfolg verwendet, auch und gerade in OP`s und Laboratorien.

Aber auch in stark beanspruchten Bereichen bis hin zum Industriebereich sind PVC-Beläge häufig erste Wahl, ob Schulen, Kindergärten, Lager- und Industriehallen.
Viel Möbelhäuser (unter anderen auch IKEA, Höffner etc.) setzen PVC-Bodenbeläge ein.
Diese Reihe ließe sich sicher endlos fortsetzen.

Im Übrigen, hochwertige PVC-Bodenbeläge sind nicht „billig“ und nicht für knausrige Käufer bestimmt.

UV: Einige Angaben im Öko-Test Bericht sind schlecht recherchiert und stimmen nicht. Beispiel: Nicht 20 % sondern nur 2 % der PVC-Fertigung werden zu Fußbodenbelägen verarbeitet. Wie sieht das bei den Weichmachern aus, im Bericht steht, dass bis zu über 30 % Weichmacher eingesetzt werden?

TG: Das wäre ein sehr weicher Belag – aber in der Tat schlecht recherchiert.

Selbstverständlich gibt es beim Masseanteil der Weichmacher von Belag zu Belag Unterschiede. Dies hängt insbesondere auch von Belagart und Bela¬gkonstruktion ab. Durch die Beantragung von bauaufsichtlichen Zulassungen für PVC-Bodenbeläge liegen uns einige Rezepturen vor, welche wir selbst¬verständlich nicht offen legen oder weitergeben.

Ich kann Ihnen sagen, dass der Weichmacheranteil in der Regel unter 20 % liegt. Aber diese Zahl würde sowieso nichts darüber aussagen, ob Weich¬macher auch flüchtig sein können. PVC-Bodenbelaghersteller sind durch Rezeptur und Temperatur schon dazu in der Lage, diese Weichmacher gut und dauerhaft einzubinden. Im Übrigen würde sonst ja jeder PVC-Belag schrumpfen und das seit vielen Jahren. Wenn das so wäre würden manche zuvor aufgeführten Einsatzbereiche wohl kaum in Frage kommen.

UV: Eine abgeschlossene Risikobetrachtung der EU (EU risk assessments) für verschie-dene Weichmacher sieht keine Risiken, ausdrücklich auch nicht bei Bauprodukten, Spiel-sachen und Baby-Ausstattungen. Warum sollten sie dann in Fußböden gefährlich sein?

TG: Üblicherweise werden für PVC-Beläge die Phthalate DINP und BBP verwendet. Sie wurden einem enormen Pensum an wissenschaftlichen Untersuchungen unterworfen, um Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt herauszufinden. Damit gehören sie zu den am besten untersuchten Chemikalien der Welt.

Phthalate werden seit über 50 Jahren eingesetzt ohne dass dabei ein einziger Schadensfall bekannt wurde. Laut EU-Risikoeinschätzung sind Phthalate in der Umwelt abbaubar und reichern sich nicht im menschlichen oder tierischen Körper an.

UV: Es ist bekannt, dass Öko-Test selektiv das Vorhandensein bestimmter Inhaltstoffe bewertet. So wird in der Reportage von hohen Konzentrationen an giftigen zinn-organischen Verbindungen berichtet. Wie schätzen Sie die Aussagen von Öko-Test ein?

TG: Die Reportage erweckt den Eindruck, dass festgestellte Stoffe nicht individuell genannt und bewertet werden sondern einer Gruppe umstrittener Chemikalien zugeordnet werden. Beispiel: Zinnorganische Verbindungen. Einzelne Zinn-Verbindungen werden als Stabilisator in PVC verwendet, dagegen ist Tributylzinn ein umstrittener Bestandteil bei Schiffsanstrichmitteln. Es handelt sich um Verbindungen mit ganz unterschiedlichen, auch technischen Eigenschaften. Wenn man sie aber wegen dem Zinnanteil in einen Topf wirft, sind alle umstritten.

UV: Sind die von Öko-Test verwendeten Versuchsmethoden und -aufbauten aussagekräftig? Kann damit eine Risikobewertung belegt und publiziert werden?

TG: Nur das Vorhandensein bestimmter Substanzen führt noch lange nicht zu einer Gefährdung. Der mögliche Kontakt (Exposition) über Luft, Haut oder Nahrungsaufnahme muss von einem sachverständigen Toxikologen überprüft werden. Denn, die „Dosis macht das Gift“, egal ob es sich um Kochsalz, Wasser oder Chemikalien handelt. In Deutschland gibt es für solche Fragestellungen das Bundesamt für Risikobewertung (BfR).

UV: Gutes Stichwort! Nach unserer Recherche sind zinnhaltige Stabilisatoren vom BfR und durch die European Food and Saftey Authority (EFSA) sogar für den Lebensmittelkontakt zugelassen. Hat Öko-Test mit einem Toxikologen zusammengearbeitet und das BfR um eine Einschätzung gebeten?

TG: Noch einmal, wir haben Öko-Test nur Ergebnisse von Maßänderungen geliefert. Alle anderen Prüfungen sind uns ebenso wenig bekannt wie bis jetzt der Artikel im Öko-Test-Verlag. Hierzu können wir keine Aussage treffen.

Dem Bericht ist jedoch eine entsprechende Information nicht zu entnehmen.

UV: Herr Grotjohann, sind die Öko-Test Ergebnisse korrekt? Waren die Versuchs-Methoden geeignet und entsprechen sie deutschen und europäischen Normen?

TG: Aus den zuvor genannten Gründen kann ich dies sicher nicht beurteilen. Aber allein das Suchen nach chemischen Verbindungen und Stoffen kann für eine Bewertung nicht ausreichen.

Es ist immer die „Dosis“, also die Menge und die Bewertung hinsichtlich möglicher Freisetzung dieser Stoffe erforderlich. Weitergehend ist medizinisch zu prüfen,  ob Gesundheitsgefahren wirklich bestehen. Selbstverständlich sind Grenzwerte einzuhalten. Dies geschieht nach unserem Kenntnisstand in der Praxis auch.

Wir können dem Artikel im Öko-Test-Verlag nicht genügend Informationen entnehmen, um diese Fragen zu beantworten.

UV: Zum Recycling, in der Reportage nicht richtig wiedergegeben: Zum 01.06.2005 wurde durch eine neue Deponieverordnung die Deponierung aller Siedlungsabfälle verboten. Alle gewerblichen Abfälle müssen einer maximalen Verwertung der enthaltenen Reststoffe zugeführt werden. Bei PVC-Belägen bedeutet dass eine energetische Verwertung in modernen Müllverbrennungsanlagen. Doch schon seit 1990 betreiben die Hersteller eine Recycling-Anlage einschließlich eines Sammelsystems zur Wiederver-wertung als Rohstoff. Herr Grotjohann, ist es nicht auch die gute Reziklierfähigkeit von PVC-Belägen, die bei der gesamten Lebenzyklus-Betrachtung von PVC-Belägen zu guten Ergebnissen führt? Gibt es vergleichbare Systeme bei anderen Bodenbelagsarten?

TG: Ja, das Recycling-System für PVC-Bodenbeläge ist in seiner Art einzigartig und vorbildlich. PVC ist ja schon deshalb kein Entsorgungsproblem, weil, wie in der Frage erwähnt, alle gewerblichen Abfälle und Siedlungsabfälle gesondert zu entsorgen sind.

Mit Sicherheit weisen PVC-Bodenbeläge auch durch das Recyclingsystem eine insgesamt positive Lebenszyklus-Betrachtung auf.

Vergleichbare Systeme sind mir nicht bekannt.

UV: In der Reportage schneidet Project Floors mit einem Cadmiumgehalt von 198 mg/kg besonders schlecht ab. Dieser Hersteller hat, wie alle anderen auch, vorab von Öko-Test seine Ergebnisse mit der Bitte um Stellungnahme mitgeteilt bekommen. In diesem Schreiben (eine Kopie des Schreibens liegt uns vor) schreibt der Verlag: „Schwermetalle: nein“. Dennoch druckt in der Veröffentlichung ein extrem hoher Wert. Können Sie sich vorstellen, auch in Bezug auf die Wiedergabe Ihrer Testergebnisse, dass falsche Werte eingesetzt wurden oder Verwechslungen in der Reportage vorkommen? Wie bewerten Sie die  Qualität des Öko-Test Berichts?

TG: Nein, wir möchten Öko-Test nicht die Verwendung falscher oder verwechselnder Ergebnisse unterstellen, auch wenn uns dies dann sicher nicht bekannt wäre, wie keinem Außenstehenden.
Verwundert sind wir über Produktnamen, welche nicht mit unseren Bezeichnungen übereinstimmen, bezogen auf die von uns durchgeführten Maßänderungsprüfungen.
Auffällig ist, dass Produkte wie Tarkett und Project Floors genannt werden, welche das erforderliche CE-Label aufweisen. Ohne dieses CE-Label dürfen Bodenbeläge in Deutschland gar nicht mehr in den Handel gebracht werden. Hierzu muss man wissen, dass die Prüfungen für das CE-Label Emissions¬messungen beinhalten.
Insgesamt gesehen müssen wir uns jedoch von dem Öko-Test-Bericht distanzieren, weil hier eine Bodenbelaggruppe an den „Pranger“ gestellt wird, ohne nachhaltige und nachvollziehbare Begründung.

Verwechslungen im Bericht können wir nicht beurteilen und somit nicht ausschließen.

Die Bewertung der Prüfergebnisse für die Praxis durch Öko-Test ist etwas – ja, ich sage mal „laienhaft“. Aber das verwundert nicht, denn die Prüfungen werden sicherlich in aller Regel fremd vergeben und die Bewertung – welche schon für Fachleute durchaus schwer ist – für Redakteure und Autoren eigentlich unmöglich.

UV: Herr Grotjohann, vielen Dank für Ihre ausführliche und klärende Stellungnahme. Damit bringen wir die Diskussion über elastische Bodenbeläge wieder auf eine professionelle und sachliche Basis.

© 2008  FEB

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Das Interview als pdf:  interv.tg.fin.pdf (84 KB)

Öko-Test: Bewertungen sind zwar umstritten, doch die Auflage steigt.
Über Öko-Test und wie man mit spektakulären Tests Marktanteile gewinnen beschreibt ein Bericht der Welt:

KriegDerTester.pdf (56 KB)



 
FEB - Fachverband elastischer Bodenbelagshersteller e. V.
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